Aus der
Winnender Zeitung
vom 12.12.2008:
Anmerkung der
Online-AG
Siehe auch:

Der abgespeckte Ranzen

Doppelstunden und doppelte Büchersätze entlasten Kinderrücken

Von Martin Schmitzer

Winnenden.
Am Dienstag ist der Ranzen leicht. Drei Kilo wiegt der eine, der nächste auch, der dritte vier Kilo. AOK-Trainerin Brigitte Würfel ist ins Georg-Büchner-Gymnasium gekommen, um mit den Fünftklässlern über ihr Ranzengewicht zu reden. Aber da gibt's offenbar nicht viel zu verbessern. An diesem Tag.

Wenn die Riemen richtig stramm sitzen, passt sich der Ranzen an die Wirbelsäule an, erklärte Brigitte Würfel der Klasse 5d.
Bild: Pavlovic

"Ich hab' viele Sachen im Schließfach, damit ich nicht alles mitschleppen muss", sagt eine Ranzenbesitzerin. Die Rückentrainerin nimmt's nickend zur Kenntnis. Am Georg-Büchner-Gymnasium ist das Ranzengewicht ein großes Thema. Die Leutenbacherin Gabi Stas, Mitglied der Elternbeirats, und der Lehrer Eckhard Linke schauen nach vielen Möglichkeiten, den kleineren Schülern den Ranzen zu erleichtern. "Alle Schüler haben Schließfächer", sagt Gabi Stas.

Brigitte Würfel fragt noch näher nach den leichten Ranzen: "Wie viele Stunden hattet ihr heute?" Sechs. Hm. "Aber es waren eigentlich drei Doppelstunden, deshalb brauchten wir nur für drei Fächer Bücher mitzunehmen", verrät eine Schülerin, "und heute ist sowieso der Tag, wo wir eigentlich gar kein Buch im Ranzen brauchen." Die Rückentrainerin erlebt den Idealfall des Ranzenmanagements: Auf Wunsch des Elternbeirats hat die Schule Biologie- und Erdkundebücher doppelt angeschafft. Ein Satz bleibt in der Schule, der andere daheim - also muss kein Buch in den Ranzen. Dann hat der Elternbeirat noch einen Satz Englischbücher finanziert, und so .können die Schüler völlig leichtfüßig in die Schule gehen - mit drei Kilo Ranzengewicht. Auch die Doppelstunden sind Methode - bewusst wurden sie eingeführt, um die Rückenlast durch Bücher zu mindern.

Der Ranzen soll nur zehn Prozent des Gewichts seines Trägers haben

Rückentrainer erleben sonst oft Ranzen mit sieben bis acht Kilogramm, manchmal auch bis zu zwölf, 13 Kilo. Die Schule versucht, Schüler, Lehrer und Eltern immer mehr für dieses Thema zu sensibilisieren. "Besonders für Fünft- und Sechstklässler sind die Ranzen zu schwer", sagt Gabi Stas. Ein Ranzen sollte laut Rückentrainerin immer ungefähr zehn Prozent des Körpergewichts seines Trägers wiegen. Das wären bei den Fünftklässlern 2,5 oder drei Kilo.

Eine Doppelstunde lang erfahren die Schüler vieles über ihr Rückgrat, die Wirbel und die Bandscheiben, über Rückenschmerzen und die Muskeln, die den Rücken stabil halten. "Das ist Herbert, mein Freund", sagt Brigitte Würfel und hält die Nachbildung einer Wirbelsäule hoch, zeigt, wie sie sich krümmt, wie sie gut geformt ist und sich ein Ranzen an die Wirbelsäule anpasst, wenn er eng geschnallt wird. Die Trainerin erklärt nur kurz, und die Schüler, vor allem die Schülerinnen, haben sofort kapiert.

Also sagt sie: "Macht mal so cool, lasst mal den Ranzen so unten hängen." "Das sind nicht wir, die so was machen. Das sind die Älteren", sagt eine gleich. Auch die Coolness-Spezialisten, die ihren Ranzen unter einen Arm klemmen und seitlich tragen, imponieren den Jungen und Mädchen nicht. "Wenn man ihn so trägt, wird man irgendwie krumm", sagt ein Junge. Brigitte Würfel bearbeitet an diesem Tag offenbar ein schon gepflügtes Feld. Die Schüler wissen zum Beispiel auch, dass sie keine Getränke von zu Hause mitschleppen müssen. Die Winnender Firma Kärcher hat ihnen im Herbst einen Wasserspender gestiftet und jetzt die passenden Flaschen dazu - macht wieder ein halbes Kilogramm weniger im Ranzen.

Überhaupt sind die 30 Schüler dieser Klasse 5d bei Lehrerin Cornelia Laqua sehr beweglich. "Wer macht Sport?", fragt die Rückentrainerin. Fast alle rennen los. Bei zweien, die sitzen bleiben, fragt sie nach, und zur Erklärung strecken beide einen Schienverband nach vorne. Verletzt. Ansonsten sind sie regelmäßig im Vereinsturnen.

Wie der Ranzen leichter wird

  • Wenn ein Mensch vom Übergewicht zum ldealgewicht gelangen will, braucht er Disziplin, Willen und ein andauerndes Bewusstsein für sein Gewicht. Beim Schulranzen ist es grad gleich. Bloß müssen gleich drei Beteiligte ans Gewicht denken: Eltern, Lehrer und Schüler.
  • Lehrer sollen laut Gabi Stas darauf achten, welches Material sie Schülern empfehlen: Einfache Hefte statt Doppelhefte, geleimte, dünne Paplerblöcke (256 Gramm) anstatt Collegeblöcken (418 Gramm).
  • Eltern sollen immer wieder die Ranzen Ihrer Kinder kontrollieren und ab und zu auch wiegen.
  • Schüler sollen ihren Ranzen jeden Abend nach Stundenplan neu packen.

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